Von langen Wegen und gesprächigen Fremden

Ich greife zu meinem Einhornjutebeutel in dem das Päckchen das ich retournieren möchte steckt und verlasse die Wohnung.

Sommerseufzen - Einhornjutebeutel
Als ich an dem brachliegenden Gelände vorbeilaufe, auf dem früher Wohnhäuser standen, bemerke ich wie wild bewachsen das unbebaute Grundstück mittlerweile ist. Hochgewachsenes Gras liegt wie gekämmtes Haar auf der Erde, Disteln, Löwenzahn, Gänseblümchen und andere Pflanzen die ich namentlich nicht kenne bieten einen schönen Anblick. Ich denke: „Ich müsste hier mal mit einer Schere vorbeikommen und mir einen kleinen Strauß Wildblumen abschneiden.“

Sommerseufzen - Wildblumen

10 Uhr, ich betrete das Bürgeramt des Ortes. Vor mir warten 3 weitere Menschen auf das Gespräch mit einem der zwei Sachbearbeiter. Die Tür des ersten Büros steht weit offen. Ein alter Herr in beigefarbener Kleidung muss das Geburtsdatum eines Kindes 4 Mal laut und langsam wiederholen, bis es die Frau hinter dem Schreibtisch verstanden hat. Wir Wartenden werfen uns Bände sprechende Blicke zu.
Als ich an der Reihe bin klappt erst alles problemlos. Als die Frau 13€ für die Bearbeitungsgebühr verlangt, sage ich: „Ich möchte mit Karte bezahlen.“ Im Internet steht das dies ginge. Natürlich geht es dann aber doch nicht. Ich seufze, sage der Frau das ich dann erst Geld ziehen müsse und später nochmal wiederkommen werde.

In unserem kleinem Ortsteil gibt es eine Sparkasse. Dort bin ich nicht Kunde, dort bekomme ich kein Geld. Ich betrete den kleinen Schreibwarenladen der zur Post umgewandelt worden ist, gebe mein Päckchen ab und erfahre nebenbei von der Angestellten das sie heute aus dem gepflücktem Obst ihres Gartens Marmelade einkochen möchte. Ich sage: „Das hört sich sehr gut an. Was für eine Marmelade wird es denn?“ Wir unterhalten uns über Marmelade. Ich erfahre das ihr Nachbar Kirschen von ihrem Baum klaut, deswegen kaum noch welche da sind und sie deswegen nun Erdbeermarmelade machen muss. Ich sage: „Ärgern sie sich nicht. Erdbeermarmelade ist eh viel leckerer als Kirschmarmelade“ und komme mir anschließend etwas blöd vor.

Ich verabschiede mich und laufe zur Haltestelle. Der Bus der mich in die Stadt hätte bringen können, fährt mir vor der Nase weg. Mein unsportliches Laufen und enthusiastisches winken reichen dem Fahrer nicht aus, um anzuhalten und mich doch noch mitzunehmen. Ich seufze und setze mich in das Wartehaus.

Sommerseufzen - Krefeld Oppum

Zufällig läuft ein ehemaliger Arbeitskollege an der Bushaltestelle vorbei. Er entdeckt mich zuerst, hält den Kopf schief, grinst und streckt mir mit den Worten „Na, dich kenne ich doch auch noch irgendwo her“ die Hand zum Gruß entgegen. Damals haben wir uns sehr gut verstanden. Er arbeite hier in der Nähe „Aber wer weiß wie lange noch. Ich bin müde.“ Ich kann ihn verstehen und nicke. Anschließend erzähle ich von meinen Zukunftsplänen. Er freut sich für mich und sagt: „Ich werde wahrscheinlich studieren.“ Als ich begeistert reagiere, verändert sich der vorhin noch unsichere Blick in einen erfreuten. Wir reden noch eine Weile, dann kommt mein Bus. „War schön dich wiederzusehen.“ „Das fand ich auch. Vielleicht treffen wir uns ja nochmal zufällig.“ Als wir uns verabschieden, ärgere ich mich darüber das ich keine Nummer von ihm habe und nicht weiß ob er bei Facebook und Co ist. Ich denke: „Vielleicht treffen wir uns ja wirklich nochmal zufällig.“

In der Stadt angekommen, laufe ich zur Bank. Unterwegs sehe ich ein junges Paar das einen winzig kleinen Welpen spazieren führt. Der Hund ist so niedlich das ich fest davon überzeugt bin, das mir gerade wie im Zeichentrickfilm Herzen aus den Augen ploppen.

Als ich mein Geld habe, fahre ich wieder zurück. Diesmal nehme ich die Straßenbahn. Eine groß gewachsene Frau im bunten Sommerkleid, fragt mich ob ich wüsste was für ein Ticket sie ziehen müsse, um nach Düsseldorf zu kommen. Ich stelle eine Vermutung an. Die Frau zieht ihr Ticket und erzählt mir das sie gerade frisch aus Holland kommt. Sie war dort auf der Hochzeit ihrer Freundin. Sie hätten viel gefeiert, das Essen war gut, die Band hat all ihre Lieblingslieder aus den 80er Jahren gespielt, dennoch wundert sie sich das die Freundin den Mann so schnell geheiratet hat. „Die kennen sich ja erst seit 7 Monaten.“ Ich höre zu, hätte gerne noch mehr erfahren, doch muss bald schon am Hauptbahnhof wieder aussteigen.

Sommerseufzen - Straßenbahn

Ich stehe am Bahngleis 3 und warte auf den Zug der mich zurück in meinen Stadtteil bringt. Eine Jugendliche mit Rastazöpfen und langen gebogenen Wimpern fragt mich schüchtern, ob der gerade eingefahrene Zug auch nach Duisburg fährt. Ich denke kurz „was für ein gesprächiger Tag“ und biete ihr an mal im Internet nachzugucken. Sie lächelt und spielt mit dem Griff ihres großen Rollkoffers. Als sie ihre Antwort hat, bedankt sie sich höflich und sieht dabei aus, als wolle sie noch etwas sagen, wisse aber nicht was. Vielleicht hat sie auch nur das Gefühl das sie noch was sagen müsse. Ich sehe ihre Unentschlossenheit, überlege ob ich stattdessen noch etwas sagen soll, weiß aber auch nicht genau was. Etwas wie: „Kommst du aus dem Urlaub, oder wieso bist du mit dem großen Koffer unterwegs?“ Oder eher: „Ich mag deine Haare, die Zöpfe stehen dir richtig gut.“ Stattdessen schweigen wir beide, stehen nebeneinander und grinsen uns nochmal an als ihr Zug einfährt.

2,5 Stunden später sitze ich wieder im Wartezimmer des Bürgerbüros. Die Frau hinterm Schreibtisch unterhält sich mit einem alten Mann namens Gerd. Sie winkt mich rein und bedeutet Gerd sitzen zu bleiben. „Warte Gerd, die Frau möchte nur etwas bezahlen.“ Dann zu mir: „Da haben sie es aber noch gerade so geschafft. Wir machen in 15 Minuten zu. Ich habe Gerd gerade noch erzählt, das noch jemand kommt der Geld vorbei bringen muss. Gerd kommt gerne kurz vor Feierabend rein und hält ein Pläuschchen. Er ist schon 82.“ Nun muss ich erstaunt gucken. Das erwartet man so. Also gucke ich erstaunt und zahle meine 13€, erhalte eine Quittung und die Information das mir die Unterlagen in ca. 1 Woche zugeschickt werden. Als ich mich bedanke knurrt mein Magen laut. Es ist nach 12 und gegessen habe ich noch nichts.

Wieder zuhause. Ich räume den vorhin noch erledigten Einkauf ein und merke das ich den Rum für einen geplanten Kuchen vergessen habe. „Mist. Vielleicht bringt Opa mir ja morgen eine kleine Flasche Rum mit. Gibt es überhaupt kleine Flaschen Rum?“ überlege ich. „Gibt es nicht an den Kassen immer diese kleinen Flachmänner mit hochprozentigem Fusel? Das wäre ideal, ich brauche ja nicht viel.“

Ich beende die Überlegungen in meinem Kopf, ziehe die unbequeme Straßenkleidung aus, steige unter die Dusche und freue mich auf das sehr späte Frühstück.

Advertisements